Die Kataraktoperation gilt als einer der sichersten Eingriffe der Medizin. Das stimmt. Aber wie bei jeder Operation gibt es Faktoren, die das Risiko erhöhen – und die nicht immer offen kommuniziert werden.
Zwei davon sind besonders relevant für Patienten in Norddeutschland: das Pseudoexfoliationssyndrom (PXS) und die späte IOL-Dislokation.
Beide Phänomene hängen eng zusammen: PXS ist der wichtigste Risikofaktor für das Verrutschen der implantierten Kunstlinse Jahre nach der OP. Viele Betroffene wissen nichts von ihrer Erkrankung.
Dieser Artikel erklärt, was PXS ist, warum es in Norddeutschland besonders häufig ist, welche Schutzmechanismen es gibt – und was es bedeutet, wenn die IOL doch verrutscht.
Pseudoexfoliationssyndrom (PXS): Der unsichtbare Risikofaktor bei der Grauer-Star-OP
Was ist PXS – und warum wissen so viele Patienten nichts davon?
Das Pseudoexfoliationssyndrom (PXS) ist eine systemische Erkrankung des Bindegewebes, bei der ein spezielles Fibrillenprotein – das sogenannte Pseudoexfoliationsmaterial – in verschiedenen Körpergeweben abgelagert wird.
Am Auge ist es am deutlichsten sichtbar: Das Material setzt sich auf der Linsenoberfläche, den Ziliarfortsätzen und besonders auf den feinen Zonulafasern ab, die die Linse in ihrer Position halten.
Das Problem: PXS zeigt keine Symptome in frühen Stadien. Patienten sehen es nicht, fühlen es nicht. Es wird nur bei einer Spaltlampenuntersuchung erkannt – der mikroskopischen Untersuchung des Auges, die vor jeder Katarakt-OP durchgeführt werden sollte. Wer diese Untersuchung übersieht oder zu wenig Erfahrung hat, übersieht möglicherweise PXS.
In Norddeutschland und Skandinavien ist PXS deutlich häufiger als in südlichen Breiten: Prävalenzstudien beschreiben Werte von über 20 Prozent in der Bevölkerung über 60 Jahren. Das bedeutet: Jeder fünfte Patient, der wegen Grauem Star zur Beratung kommt, hat möglicherweise ein PXS – ohne es zu wissen.
Warum ist PXS bei der Katarakt-OP so kritisch?
Die Zonulafasern, die durch PXS geschädigt werden, sind bei der Kataraktoperation von zentraler Bedeutung: Sie halten den Kapselsack in Position, der wiederum die Kunstlinse trägt.
Geschwächte Zonulafasern können intraoperativ einreißen – eine der gefürchtetsten Komplikationen der Kataraktchirurgie. Das Risiko einer sogenannten Zonulardialyse ist bei PXS-Patienten deutlich erhöht.
Eine Studie analysierte das Zonulardialyse-Risiko bei PXS-Patienten, bei denen bereits das erste Auge mit einer Komplikation operiert worden war.
Das Ergebnis: Das Risiko einer Zonulardialyse beim zweiten Auge war bei PXS-Patienten signifikant erhöht gegenüber Patienten ohne PXS – selbst wenn das erste Auge problemlos verlaufen war1.
Viele PXS-Patienten wissen nichts von ihrer Erkrankung. Sie wird nur bei einer Spaltlampenuntersuchung erkannt. Fragen Sie vor Ihrer Katarakt-OP explizit, ob PXS ausgeschlossen wurde.

Wie geht man als Chirurg präventiv vor?
Ein vorbereiteter Chirurg trifft bei PXS-Patienten mehrere Maßnahmen. Er plant präoperativ die Implantation eines Kapselsackspannrings (CTR) – eines flexiblen Rings, der in den Kapselsack eingeführt wird und ihn stabilisiert, indem er den Zug gleichmäßig auf die Zonulafasern verteilt.
Er stellt eine maximale Pupillenerweiterung sicher, um optimale Sicht zu gewährleisten. Er arbeitet mit besonderer Vorsicht bei der Kapsulorhexis und informiert den Patienten über das erhöhte Langzeitrisiko einer IOL-Dislokation.
IOL-Dislokation nach der Katarakt-OP: Wenn die Kunstlinse nach Jahren verrutscht
Was ist eine IOL-Dislokation?
Als IOL-Dislokation bezeichnet man das Verrutschen oder Herausfallen der implantierten Kunstlinse aus ihrer Position im Kapselsack. Dies geschieht fast nie unmittelbar nach der Operation, sondern meist Jahre bis Jahrzehnte später – daher spricht man von der späten IOL-Dislokation.
Die kumulative Inzidenz liegt laut Metaanalysen bei 0,5 bis 3 Prozent über 10 Jahre. Klingt gering – in absoluten Zahlen sind es weltweit aber tausende Patienten jährlich.
JCRS-Studie 2025: Drei Mechanismen, drei Risikogruppen
Forscher des Hayashi Eye Hospitals analysierten mittels Rasterelektronenmikroskopie 25 explantierte IOL-Kapselsack-Komplexe2. Das Durchschnittsalter bei Dislokation betrug 70 Jahre, die mittlere Zeit zwischen Erstoperation und Dislokation 12,5 Jahre. Die Studie identifizierte erstmals drei klar unterschiedliche Mechanismen:
- Gerissene Zonulafasern beim Pseudoexfoliationssyndrom (PXS) – alle 9 PXS-Patienten in der Studie zeigten dieses Muster. PXS ist der häufigste und am besten verstandene Mechanismus.
- Ablösung der Zonularlamelle bei hoher Myopie und nach Vitrektomie – ein zweiter, mechanisch anderer Mechanismus der zu Instabilität führt.
- Kapsuläre Delamination beim sogenannten Dead-Bag-Syndrom – eine erst kürzlich beschriebene Entität, bei der der Kapselsack seine mechanische Integrität verliert.
Die wichtigsten Risikofaktoren für eine späte IOL-Dislokation sind damit: Pseudoexfoliationssyndrom, hohe Kurzsichtigkeit (über -6 Dioptrien), frühere Vitrektomie (Glaskörperoperation), Atopische Dermatitis sowie ein Alter über 75 Jahre zum Zeitpunkt der Erstoperation.
Wie wird eine IOL-Dislokation behandelt?
Eine verrutschte IOL muss operativ reponiert oder ausgetauscht werden. Beide Eingriffe sind technisch anspruchsvoll, aber in spezialisierten Händen sicher möglich.
Bei der Reposition wird die Linse in ihre Sollposition zurückgebracht und dort fixiert. Beim Austausch wird eine neue IOL implantiert, diesmal oft an der Iris oder Hornhautwand verankert statt im Kapselsack.
„PXS-Patienten brauchen keinen anderen Chirurgen – aber einen vorbereiteten. Wir erfassen bei jedem Patienten systematisch Risikofaktoren inklusive PXS. Eine Katarakt-OP bei PXS ist in erfahrenen Händen sicher möglich. In unvorbereiteten Händen kann sie zu einer der schwierigsten Situationen im Augen-OP werden.“
Priv.-Doz. Dr. med. Tim Schultz, FEBO · AugenCentrum am Rothenbaum, Hamburg
Grauer-Star-OP bei Risikopatienten – Erfahrung im AugenCentrum am Rothenbaum

Priv.-Doz. Dr. med. Tim Schultz, FEBO und Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Gonnermann erfassen bei jedem Patienten systematisch alle relevanten Risikofaktoren – einschließlich PXS. Wir besprechen das erhöhte Risiko offen und treffen gemeinsam mit jedem Patienten eine informierte Entscheidung über den optimalen OP-Plan.
Häufige Fragen: PXS und Risiken der Grauer-Star-OP
PXS ist eine systemische Erkrankung, bei der ein Fibrillenprotein in Bindegeweben abgelagert wird, besonders auffällig am Auge. In Norddeutschland ist es bei über 20 Prozent der Über-60-Jährigen vorhanden. Die meisten Betroffenen wissen nichts davon, weil PXS keine Symptome verursacht und nur bei der Spaltlampenuntersuchung erkannt wird.
Die kumulative Inzidenz liegt bei 0,5 bis 3 Prozent innerhalb von 10 Jahren. Bei Patienten mit PXS, hoher Kurzsichtigkeit oder nach Vitrektomie ist das Risiko höher. Die gute Nachricht: Präventive Maßnahmen wie der Kapselsackspannring reduzieren das Risiko erheblich.
Ein CTR ist ein flexibler Ring aus PMMA, der während der Kataraktoperation in den Kapselsack eingeführt wird. Er verteilt den Zug gleichmäßig auf die Zonulafasern und verringert das Risiko einer Kapselinstabilität und späteren IOL-Dislokation. Er wird bei PXS, schwacher Zonula und anderen Risikofaktoren eingesetzt.
Die häufigsten Symptome sind plötzliche Sehverschlechterung, Doppelbilder, Schatten oder der Eindruck als wäre ein Schleier vor das Auge gezogen. Gelegentlich wird die verrutschte Linse im Spätstadium durch die Pupille sichtbar. Jede plötzliche Sehveränderung nach einer Katarakt-OP sollte zeitnah augenärztlich abgeklärt werden.
Ja. PXS bedeutet erhöhtes Risiko, nicht unmögliche OP. In erfahrenen Händen, mit sorgfältiger Vorbereitung und gegebenenfalls Einsatz eines Kapselsackspannrings, wird die Katarakt-OP auch bei PXS in den allermeisten Fällen erfolgreich abgeschlossen. Entscheidend ist, dass der Chirurg über Ihr PXS informiert ist und entsprechend plant.
- Elhusseiny, A. M., Ibrahim, S. N., Toma, J., Yang, Y. C., & Sallam, A. B. (2025). Risk of zonular dialysis in fellow eye cataract surgeries: multicenter comparative study. Journal of cataract and refractive surgery, 51(3), 204–209. DOI: 10.1097/j.jcrs.0000000000001580 ↩︎
- Hirata, A., Mine, K., Hayashi, K., & Ohta, K. (2025). Histopathological Characteristics of Zonular Fibers and Lens Capsule and Their Relationship to Clinical Features in Intraocular Lens Dislocation. Journal of cataract and refractive surgery, 51(4), 337–344. Advance online publication. DOI: 10.1097/j.jcrs.0000000000001607 ↩︎



