Eine Frage, die wir im Beratungsgespräch regelmäßig hören: „Kann man beim Grauen Star eigentlich beide Augen am selben Tag operieren lassen?“ Die Antwort ist ja – und gleichzeitig nein. Ja, weil das Verfahren existiert, weltweit durchgeführt wird und medizinisch durchaus begründbar ist. Nein, weil wir im AugenCentrum am Rothenbaum in Hamburg bewusst auf diese Möglichkeit verzichten – aus Gründen, die wir in diesem Artikel transparent erklären.
Die simultane bilaterale Kataraktoperation, kurz ISBCS, ist kein Nischenverfahren. In Skandinavien ist sie Routinepraxis. In Deutschland hingegen bleibt die zeitlich getrennte Operation beider Augen der Standard – und das aus guten Gründen. Wer versteht, worum es geht, kann diese Entscheidung gemeinsam mit seinem Chirurgen treffen. Dieser Artikel liefert die Grundlage dafür.
Was ist ISBCS – und was ist der Unterschied zur klassischen Vorgehensweise?
ISBCS steht für „Immediately Sequential Bilateral Cataract Surgery“ – die simultane Kataraktoperation beider Augen in einer einzigen Sitzung, meist am selben Tag, direkt nacheinander. Der Chirurg operiert nach dem ersten Auge sofort das zweite, in der Regel mit einem Instrumentenwechsel und kurzer Pause zwischen den Augen.
Der Gegensatz ist die DSBCS („Delayed Sequential Bilateral Cataract Surgery“): Die Operation beider Augen findet zeitlich getrennt statt, typischerweise mit einem Abstand von zwei bis sechs Wochen. Das ist der aktuelle Standard in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie den meisten westeuropäischen Ländern. In Finnland, Schweden und Kanada hingegen hat sich ISBCS teilweise als Routineverfahren etabliert.
Die Argumente für die simultane OP – und warum sie nachvollziehbar sind
Wer für ISBCS argumentiert, hat valide Punkte. Die Vorteile sind real und sollten fair benannt werden:

Die Argumente gegen ISBCS – und warum sie für uns schwerer wiegen
Bei aller Fairness gegenüber den ISBCS-Argumenten: Es gibt gewichtige Gründe, warum wir uns im AugenCentrum am Rothenbaum bewusst dagegen entscheiden.
Das entscheidendste Argument ist die IOL-Berechnung. Bei der Kataraktoperation wird die getrübte natürliche Linse durch eine präzise berechnete Kunstlinse (Intraokularlinse, IOL) ersetzt. Diese Berechnung basiert auf biometrischen Messungen des Auges – Länge, Hornhautradius, Vorderkammertiefe. Selbst mit modernster Messtechnik gibt es eine Rest-Unvorhersehbarkeit: Keine Formel berechnet das refraktive Ergebnis mit 100-prozentiger Sicherheit voraus.
Wird das erste Auge zuerst operiert und dann gewartet, kann das tatsächliche Refraktionsergebnis gemessen werden. Wenn nötig, wird die Linsenberechnung für das zweite Auge angepasst. Dieser Feedbackmechanismus ist bei ISBCS nicht möglich – beide Linsen werden auf Basis der präoperativen Messungen implantiert, ohne die Möglichkeit einer Korrektur. Bei Premium-IOLs, bei denen Patienten vollständige Brillenfreiheit anstreben, kann dieser Unterschied über Zufriedenheit oder Nachkorrekturbedarf entscheiden.
Das zweite Argument ist das bilaterale Infektionsrisiko. Eine Endophthalmitis – eine schwere Augeninfektion nach Katarakt-OP – ist zum Glück extrem selten (ca. 0,03 bis 0,08 Prozent). Aber: Wäre sie gleichzeitig an beiden Augen, könnte sie zu dauerhaftem Sehverlust auf beiden Seiten führen. Bei zeitlich getrennter OP bleibt das zweite Auge in jedem Fall geschützt.
Was aktuelle Forschung zur Katarakt-OP sagt
Die Forschungslage zu ISBCS ist differenziert. Studien aus Finnland, Schweden und Kanada belegen vergleichbare Komplikationsraten bei ISBCS und DSBCS — wenn strenge Protokolle eingehalten werden. Das schließt separate Instrumentensets, getrennte Medikamentengaben und eine obligatorische Pause zwischen beiden Augen ein.
Gleichzeitig zeigen Analysen, dass die refraktiven Ergebnisse bei ISBCS im Durchschnitt minimal schlechter sind als bei DSBCS – ein statistisch kleiner, klinisch aber möglicherweise relevanter Unterschied. Besonders bei Premium-IOLs, bei denen das Ziel Brillenfreiheit lautet, kann jede Dioptrie Abweichung die Patientenzufriedenheit beeinflussen.
Beide Augen beim Grauen Star operieren – unser Ansatz im AugenCentrum am Rothenbaum

Im AugenCentrum am Rothenbaum planen wir die Kataraktoperation beider Augen standardmäßig mit einem Abstand von zwei bis sechs Wochen. Diese Zeitspanne dient drei Zwecken: erstens der Heilung des ersten Auges, zweitens der Messung des refraktiven Ergebnisses und drittens der Anpassung der Linsenplanung für das zweite Auge, falls nötig.
„Wir führen bewusst keine simultane bilaterale Katarakt-OP durch. Die Möglichkeit, das Ergebnis des ersten Auges zu messen und die zweite Linse präziser zu wählen, ist ein Qualitätsmerkmal das wir nicht opfern möchten – erst recht nicht bei Premium-IOLs. Effizienz ist wichtig, aber nicht auf Kosten der Präzision.“
Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Gonnermann · AugenCentrum am Rothenbaum, Hamburg
Für Patienten, die aufgrund von Mobilitätseinschränkungen oder weiter Anreise möglichst wenige Termine wünschen, besprechen wir individuelle Lösungen. Kein Patient soll aus praktischen Gründen schlechter versorgt sein.
Häufige Fragen: Grauer Star OP und Augen gleichzeitig operieren
Ja, das ist medizinisch möglich und wird weltweit als ISBCS-Verfahren durchgeführt. In Skandinavien ist es Routinepraxis. In Deutschland ist die zeitlich getrennte OP weiterhin Standard, weil sie die Möglichkeit bietet, die Linsenplanung für das zweite Auge auf Basis des tatsächlichen Ergebnisses des ersten zu optimieren. Ob ISBCS für Sie in Frage kommt, besprechen wir individuell.
In der Regel empfehlen wir einen Abstand von zwei bis sechs Wochen. In dieser Zeit heilt das erste Auge, wir messen das refraktive Ergebnis und passen bei Bedarf die Linsenberechnung für das zweite Auge an. Bei medizinischer Dringlichkeit oder besonderen Umständen kann dieser Abstand verkürzt werden.
Gefährlich ist vielleicht zu stark ausgedrückt. Das Risiko der ISBCS ist in erfahrenen Händen gering. Das wichtigste theoretische Risiko ist eine bilaterale Endophthalmitis – eine Augeninfektion an beiden Augen gleichzeitig. Diese ist extrem selten, wäre aber schwerwiegend. Bei getrennter OP ist dieses Risiko auf ein Auge begrenzt. Für uns wiegt zudem das Präzisionsargument schwerer als der Effizienzgewinn.
In der Regel beginnen wir mit dem stärker betroffenen Auge – dem mit der ausgeprägteren Katarakt oder der größeren Seheinschränkung. Das gibt dem Patienten schnell eine spürbare Verbesserung und liefert gleichzeitig die wichtigsten Messdaten für die Planung des zweiten Auges.
Die Kataraktoperation mit Standard-Monofokallinse ist für beide Augen eine GKV-Kassenleistung. Zuzahlungen entstehen nur wenn Sie eine Premium-IOL wählen – trifokale Linse, EDOF-Linse oder torische Linse. In diesem Fall gilt der Aufpreis pro Auge, also für beide Augen separat. Alle Kosten erklären wir vor dem Eingriff vollständig und transparent.
Ja. Nach der ersten OP sehen Sie auf dem operierten Auge bereits deutlich besser. Es kann eine kurze Phase geben, in der das Gehirn die unterschiedliche Sehqualität beider Augen ausgleichen muss – das ist normal und klingt mit der zweiten OP ab. Die meisten Patienten können ihren Alltag während dieser Zeit weitgehend normal gestalten.



